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Barrierefrei von Anfang an

Vor dem Inkrafttreten der ersten BITV-Version 2002 war das Buzzword “Barrierefreiheit” in Angeboten oder Projektbeschreibungen für Internetseiten eher selten zu finden. Leider findet sich in vielen Angeboten auch heute noch wenig zu diesem Thema, es sei denn, es geht um eine Behörde oder eine andere öffentliche Einrichtung, für die diese Verordnung Pflichtkriterien enthält. Dabei sollte die Barrierearmut für eine Webseite heute genauso zum Standardpaket gehören, wie die Suchmaschinenoptimierung oder die Einhaltung technischer Standards. Letzteres ist ja sogar eine der Bedingungen aus der BITV. Hier wird auch deutlich, dass diese Verordnung nicht aus praxisfernen Forderungen besteht, sondern aus klar verständlichen Anforderungen für eine zugängliche Webseite.

Dieser Fakt sorgt in Konsequenz eben nicht nur für eine Webseite, die eingeschränkten Nutzern zugänglich gemacht wird, sondern meist auch für eine Webseite die besser für alle Nutzer funktioniert. Ein Beispiel: Die Mindestanforderungen für Farbkontraste zwischen Vorder- und Hintergrund sind essentiell für Menschen mit eingeschränktem Sehvermögen, erhöhen aber die Lesbarkeit auch für alle anderen.

Das ist am 27 Zoll Monitor im Büro des Designers kein so großer Unterschied mit den Farbwerten? Mag sein, aber auf einem kleinen Tablet-Display in der prallen Sonne auf der Parkbank kann dieser kleine Farbwertunterschied über die generelle Benutzbarkeit entscheiden! Vielleicht haben Sie ja an sich selbst schon mal beobachtet, dass man bestimmten Elementen etwas näher an den Monitor rücken oder die Helligkeit nachjustieren muss um etwas erkennen zu können.

Da sind wir auch schon mittendrin im nächsten Fachgebiet, der Usability, oder auch Gebrauchstauglichkeit/Benutzerfreundlichkeit. Genau die steigert sich fast immer automatisch mit, wenn man die Vorgaben der BITV konsequent umsetzt (als Hilfestellung gibt es allerlei Tools die dem geneigten Programmierer, Projektleiter oder Kunden helfen den aktuellen Status zu ermitteln).
Ob eine Webseite benutzbar ist, entscheidet entgegen dem leider noch allzu weit verbreiten Irrglaube, auch kein Entwickler oder der Auftraggeber, sondern eben immer derjenige, der die Webseite besucht und verwendet. Daraus folgt, dass ohne einen erfahrenden UX-Designer oder einen Nutzertest nur schwer Aussagen zur tatsächlichen Benutzbarkeit getroffen werden können.

Nun bringt es erfahrungsgemäß recht wenig erst am Ende des Projektes entsprechende Gedankenspiele zu beginnen und im Nachhinein zu “optimieren” oder Tests durchzuführen. Barrierearmut und Benutzbarkeit müssen schon während der Konzept- und Designphase wichtige Anforderungen sein, also nicht nur dem Entwickler, sondern auch dem Konzepter und Designer bekannt sein. Dem Auftraggeber bleibt der Aufwand hinter diesem Prozess jedoch meist verborgen, besonders dann, wenn das Ergebnis keine Probleme mehr aufweist. Im Gegenteil kommen diese Themen leider meist erst zur Sprache wenn konkrete Fehler bemerkt werden oder – noch schlimmer – Beschwerden enttäuschter, womöglich ausgeschlossener Nutzer beim Auftraggeber eintreffen.

Sie sind sich nicht sicher, ob bei Ihrem Projekt daran gedacht wurde? Mein Tipp: Fragen Sie einfach mal nach den ersten Entwürfen der Designs. Wenn die fertigen Designs genauso aussehen, wurden entweder keine Tests anhand der Entwürfe durchgeführt, oder der Designer ist so perfekt, dass er keine Fehler mehr macht. Natürlich kostet dieser Prozess einen Mehraufwand, der als Position auf einer Rechnung nichtssagend daherkommen kann. Aber auch hier ein Tipp von mir: Ist es bei solchen Tests meist unkompliziert möglich als stiller Beobachter teilzunehmen um sehen und verstehen zu können was da ganz konkret passiert. Nehmen Sie sich also ruhig mal die Zeit, es lohnt sich!

Glücklicherweise finden diese Themen zunehmend Beachtung und wandern von ihrem Schattendasein im unteren Bereich eines Pflichtenheftes weiter an den Anfang und damit auch eher in die Gedanken aller Beteiligten. Nur bei einer Gruppe Menschen sollte die Beschäftigung mit diesen Themen nicht dazugehören: den Besuchern der Webseite. Dass Sie nämlich alles richtig gemacht haben, werden diese ihnen nicht mit freudigen Dankesmails quittieren, sondern eher mit dem guten Gefühl, dass sie “einfach so” tun können, wofür sie gekommen sind (was immer das bei Ihrer Webseite konkret ist). Insofern ist die Aufgabe leider meist eine undankbare, denn wenn alles richtig gemacht wurde, wird niemand mehr darüber reden.


  • http://www.theravingblog.de.vu Benjamin Kurczyk

    Toller Artikel! Auf den Punkt gebracht und von vorne bis hinten richtig. Das Thema ist aber auch eines, dass noch zu wenig im Webdesign allgemein angekommen ist. Die Blogger und Bastler des WWW haben keinen UX-Designer zur Hand und stehen ganz alleine da.

    Web Design sollte keine Sache der coolen Effekte sein. Der Trend setzt sich langsam durch und die großen Frameworks und Templates greifen immer mehr auf strickte Usability zurück. Wollen wir hoffen, dass das weiter geht und der Nutzer die Chance erkennt und sagt was er will. Denn nur wenn die User ihre Anforderungen formulieren können, liegt echtes UXM in Reichweite.

  • http://www.facebook.com/jan.drechsler Jan Drechsler

    Ich habe auch erst vor kurzem bei einem Seminar der Gründerszene in Berlin erleben dürfen, wie durch Usability-Tests schon während der Konzeptphase, doch auch durchaus an fertigen Websites Optimierungschancen ans Tageslicht gelangen.

    Ich glaube die größte Herausforderung in diesem Bereich liegt darin, einen sinnvolles Projektgerüst zu haben, dass die Kompetenzen von Konzeptern und Webdesignern sinnvoll zueinander bringt. Und ich glaube genau in dem Spannungsfeld zwischen diesen beiden Rollen entstehen momentan die meisten Usability-Schwächen/ – Lücken.